Laudatio Dr. Elmar Zorn

Museum Kunstraum Neuss, 1.2.2015
Rede zur Ausstellung „Im Auge des Taifuns - Wirbelnde Zeichen” von Stanislaw W. Szroborz

Meine Damen und Herren, darf Kunst elegant sein? Ist Natur elegant? Beide - Kunst und Natur- sind es oft. Immerhin ist Eleganz eine Komponente der Schönheit. Eleganz drückt sich oft in linearen ästhetischen Gebilden aus, in kühnen Schwüngen und Rotationen, in sich verjüngenden Verläufen einer dynamischen Form. Schnörkel und Arabesken, also das schön Hinzugefügte oder Auslaufende eines plastischen Gegenstands „Ornament ist Verbrechen“. Das hatte zwar eine gewisse Berechtigung angesichts der schwülstig ausladenden Zuckerbäcker-Architektur, in der das Fin de Siècle und die Belle Epoque zuweilen schwelgten. Der Jugendstil reagierteja darauf und versetzte die statischen Ornamente in eine rasante, elegante Bewegung, zuerst floral, dann im Art Deco schon geometrisch reduzierter. Adolf Loos’ Häuser und Möbel jedenfalls, vermeintlich ornamentfrei, sind dennoch voller Schönheit. Und in radikalsten der antidekorativen Bewegungen, der des Bauhauses, bewundern wir noch heute die Eleganz der Linien, denn die fehlen der heutigen Architektur entschieden - mit Ausnahme des Dekonstruktivismus eines Gehry, Libeskind, einer Zaha Hadid. Zum Glück wird sie gerade wiederentdeckt: die schwungvolle Dynamik der Liniengestaltung, die seit Jackson Pollocks Drip-Painting-Verfahren aus dem Kunstbetrieb verschwunden schien. Die virtuellen Reisen, die durch zentrifugale und zentripetal angeordnete Farbpigmente und Liniengeflechte auf der Leinwand und auf dem Papier möglich werden, übertreffen aufgrund der Fähigkeit unserer Fantasie zur Simulation die der technischen Apparate von 3D und von Cyberspace bei weitem - zum Glück. Wer sich vor ein Bild des großen Tiroler, in Mailand lebenden Malers Helmut Schober begibt, wird förmlich eingesogen in ein kosmisches Geschehen, hergestellt durch aufgespritzte Silikat-Pixel. Eine der Ausstellungen, die er hatte, organisiert durch die Tate Gallery London, war zusammen mit der lkone des Lichts, einem der Begründer der modernen Malerei, William Turner, und hieß „Turner and Schober-Two Creators of Light”. Und hier sind wir endlich bei der Ausstellung von Stanislaw Szroborz. Unbeirrt von den Exerzitien minimalisfischer Strichführung hat Szroborz den großen eleganten Schwung geführt, solchermaßen die Leinwand belebt und seine Betrachter eingeladen sich in seine zeichnerischen Räume katapultieren zu lassen. Just diese Dynamisierung, die er schon lange betreibt, istjetzt aber im Kunstbetrieb von neuem angesagt. Gestern wurde in Frankfurt die neuste, wieder aufgelegte Kunstmesse Deutschlands eröffnet. lhr künstlerischer Direktor Eric Beuerle de Castro, selber Maler, präsentiert eine seiner Arbeiten, die bezeichnend ist: „Pollock und Dalí begegnen sich endlich“.

Da sind über einer surrealistischen Szenerie im Stil Dalis turbulent kreisende Linien und Striche platziert, wie eine Übermalung im Stil von Arnulf Rainer. Dali selber war ein großer Meister zyklonischer Strichführung, wie seine Bibelillustrierungen eindrucksvoll belegen. Da muss man genau hinschauen, wenn man urteilen will -geschult durch diese Ausstellung hier- ob das Werk von Dali stammt oder von Szroborz. Das meine ich überhaupt nicht als Witz, denn auf der handwerklichen Ebene könnten sich die beiden durchaus die Hand reichen. Wie Szroborz mit wenigen eleganten kreisrunden und vagierenden Linien sein Welttheater der Kunst formuliert, aus dem heraus seine Figuren treten, zeichnungsgeboren aus der Verdichtung der Striche, umspielt in vielen Varianten letztlich das kreative Kraftzentrum, aus dem heraus chaotisch disponiert die Gestaltungsmasse sich turbulent herausdreht, gewissermaßen Walzer tanzende Lineaturen aus dem Auge des Taifuns heraus: ein Taifun der Energie und des Kreativen, dem Szroborz in jedem Bild näher ist als alle andere Künstler, die sonst zu erleben sind auf ihren diversen - durchaus respektablen - Ebenen vergeistigter Gestaltung. Das sind alles Stürze ins Bild, die Szroborz geschaffen hat, als ein Vorgänger von Bildfindungen, die - wie erwähnt - die Kunstwelt gerade beschäftigen. „Der Sturz im Bild” hieß daher nicht zufällig eine bemerkenswerte Ausstellung, die Eric Beuerle de Castro im gigantisch großen Galerie-Schloß Mochental in der Nähe von Ulm von dem bedeutenden Galeristen und Prinzipal der artKarlsruhe Ewald Schrade gewidmet wurde, und die vielleicht mit dazu beigetragen hat dem Prinzip der Spiraldrehung in der Zeichnung neue Aufmerksamkeit zu verschaffen. Diese kleine Ausstellung hier in einer kleinen Kunststätte, dem „Museum Kunstraum Neuss“, wird sicherlich die neu ansetzende Wahrnehmung der Zeichnungskunst auf seine Weise bestärken. Wie wir ja wissen, zählt in der Kunst ja nicht klein oder groß, sondern nur gut oder schlecht- auch was die Dimension von Kunsträumen betrifft. Und diese Arbeiten stammen überdies von demjenigen Künstler, der am Anfang solcher Neubewertung steht, was ganz sicherlich mit seiner polnisch verinnerlichten Tradition handwerklicher Qualität zu tun hat, wie auch in den östlichen Ländern, gleich ob in Russland, der Ukraine oder in China deren Akademien solche Traditionen nie aufgegeben oder beiseite gelegt haben. Wenn man in Betracht zieht, dass gegenwärtig Programme für die kommende Kunstbiennale in Venedig entwickelt werden, welche diese Kraftjener Akademien und der Kunst, die sich vertreten, aufgreifen wollenlm Geiste der Wiedererweckung des Handwerklich- Professionellen, verstehen wir, dass es sich bei dieser Kunst von Stanislaw Szroborz, der selber eigentlich nicht mehr ganzjung ist, um wahrhaftjunge Kunst, jung gebliebene Kunst handelt. Ich danke Ihnen!

Elmar Zorn

mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dr. Elmar Zorn

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